Posted by admin  |  February 26, 2019

Gestern Abend bin ich beim nach Hause fahren mal wieder einem obdachlosen Menschen in der S-Bahn begegnet, der sein gesamtes Hab und Gut auf einen Wagen geladen bei sich hatte und vermutlich die Wärme der Bahn nutzen wollte. Solche Eindrücke sind in Berlin zu dieser Jahreszeit keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil: Teilweise begegnen einem während einer Bahnfahrt im 5-Miuten-Takt Menschen, die um eine Spende oder Essen bitten. Viele von ihnen weisen offensichtliche körperliche Beeinträchtigungen auf, husten stark, humpeln oder haben sogar sichtbare Verletzungen.

Unter dem Einfluss dieser Eindrücke hat mich eine Podcastfolge des Kanals „Gute Nachrichten“ von detektor.fm, die ich heute Morgen gehört habe, sehr berührt. Die Peruanerin Jenny De la Torre Castro hat ein Gesundheitszentrum für Obdachlose ins Leben gerufen und leistet damit einen beeindruckenden Beitrag in Sachen sozialer Fürsorge für ein gesellschaftliches Miteinander, weswegen ich das Projekt hier gerne vorstellen möchte.

De la Torre Castro berichtet von Menschen, deren Kleidung teilweise am Körper angewachsen ist und die mit Parasitenbefall und Hauterkrankungen (unter obdachlosen Menschen „Schleppe“ genannt) zu kämpfen haben. „Man kann überhaupt nicht glauben, in welchem Zustand manche Menschen durch die Straße gehen […] das sind Sachen, wo man denkt, wie hältst du das überhaupt aus?“, erklärt die Ärztin mitfühlend die täglichen Erlebnisse bei ihrer Arbeit.

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Jenny De la Torre Castro behandelt bereits seit 1994 obdachlose Menschen, zu Beginn am Berliner Ostbahnhof unter schwierigen Bedingungen. Ihre Beharrlichkeit und ihr fürsorglicher Einsatz sorgten für Anerkennung auch unter Kollegen, was dazu führte, dass auch andere Fachärzte anfingen, De la Torre Castro in ihrer Arbeit zu unterstützen und obdachlose Menschen zu behandeln. Im Jahr 2002 erhielt die Ärztin für ihren Einsatz den Medienpreis die „Goldene Henne“ und konnte mithilfe des Preisgeldes die Jenny De la Torre Stiftung gründen. Dank weiterer Zustiftungen konnten die Grundvoraussetzungen geschaffen werden, um das Gesundheitszentrum für Obdachlose zu realisieren. Eröffnet wurde dieses im Jahr 2006.

bad-1253886_640.jpgBestehend aus einer Arzt-, einer Zahn- und einer Augenarztpraxis sowie einer Kleiderkammer, einer Speiseversorgung und sanitären Anlagen mit Duschen bildet das Gesundheitszentrum eine Anlaufstelle für Menschen ohne feste Wohnung sowie für Menschen ohne Krankenversicherung. Neben dieser Möglichkeit der Erfüllung körperlicher Grundbedürfnisse und der Behandlung körperlicher Probleme, bietet das Gesundheitszentrum auch rechtliche, soziale und psychologische Beratung sowie Betreuung an.

Jenny De la Torre Castro erklärt, warum die Behandlung von Krankheiten nicht unbedingt der größte Mehrwert für die Menschen ist, die das Zentrum aufsuchen. „Es geht darum, dass man ihnen den Stress nimmt. Jeden Tag für sich zu sorgen, wo ich esse, wo ich schlafe, das ist Stress!“ So beobachtet die Ärztin regelmäßig, wie Personen, die zu ihr kommen, die Ruhe im Zentrum zum Schlafen nutzen. „Das finde ich natürlich schön, dass sie den Garten dafür nutzen, sich auszuruhen und einfach schlafen.“

Unterstützt wird die Peruanerin tagtäglich von vielen ehrenamtlichen Helfern, darunter Augenärzte, Hautärzte, Internisten, Orthopäden, Psychiater und Psychologen. Zusätzlich gibt es mehrmals pro Woche ein Angebot durch Zahnärzte. Auch viele Medizinstudenten leisten einen Beitrag, dem großen Bedarf an Hilfeleistungen nachzukommen.

 

Das ganze Interview könnt ihr euch hier anhören. Mich hat es sehr berührt!


Quellen

http://www.delatorre-stiftung.de/gesundheitszentrum.html

http://www.delatorre-stiftung.de/stiftung.html

https://detektor.fm/serien/gute-nachrichten


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