Posted by admin  |  June 18, 2019

Die Urlaubszeit steht vor der Tür und mit ihr kommen die „All inclusive“-Urlaube. Es gibt für dieses Konzept sicherlich nachvollziehbare Gründe, schließlich muss man sich endlich mal um nichts kümmern, kein Einkauf, kein Kochen, kein Abwasch. Gerade für Personen mit einem vollgeplanten Alltag ist das reizvoll.

Gleichzeitig ist „all inclusive“ aus Essens- und Lebensmittelperspektive komplett absurd – und ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Die beiden Komponenten Hungergefühl und Nahrungsaufnahme haben in diesem Konzept bei weitem nichts miteinander zu tun. Ganz im Gegenteil, meist essen wir, trotz Völlegefühls, einfach weiter, weil das Essen da ist und wir nun mal dafür bezahlt haben.

eat-3614411_640.jpgEhrlicherweise müssen wir aber gar nicht auf den Urlaub warten oder ein „all inclusive“ Angebot nutzen, um dieses Phänomen zu entdecken. In der Regel reichen schon gesellschaftliche Events, um das – und diese Formulierung ist ganz bewusst gewählt – gewaltvolle Konsumieren von Lebensmitteln zu beobachten bzw. bei uns selber festzustellen. Denn wer kennt das nicht? Wir besuchen eine Messe, tagen bei einem Kongress, feiern eine Familienfestlichkeit oder verbringen unser Wochenende anderweitig bei irgendeinem Event. Was ich bislang ausnahmslos festgestellt habe, ist, dass sich die gesamte Tagesstruktur um das Essen dreht bzw. sich dem Essen unterwirft. Frühstück um 9 Uhr, Kaffeepause mit Snacks um 11 Uhr, Mittagessen um 13 Uhr, Kuchenpause um 15:30 Uhr und Abendbrot um 18 Uhr. Ich vermute, mir würde kaum jemand widersprechen, dass so oder so ähnlich ein Tagesablauf, ganz gleich welcher Veranstaltung, in den meisten Fällen aussieht.

Jetzt könnte der Eine oder Andere einwerfen, dass es ja kein Problem ist, Angebote zu schaffen, um Gäste bestmöglich zu bewirten und ihnen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung einzuräumen. FALLS ein Hungergefühl auftritt, steht Essen bereit.

Leider aber scheint genau dieses „falls“ der Knackpunkt zu sein. Meiner Erfahrung nach – und viele der weiter unten aufgeführten Argumente belegen dies – müsste das „falls“ durch ein „egal ob“ ersetzt werden. Denn ganz egal, ob ein Hungergefühl vorhanden ist, es wird gegessen, sobald die Möglichkeit dazu besteht.

Es hat mich ein paar Jahre gekostet, dieses aus meiner Sicht völlig absurde Verhalten für mich selbst zu reflektieren. Leider aber – und das ist das Frustrierende daran – gestaltet es sich bei mir wesentlich schwieriger, etwas an diesem mittlerweile bewussten Verhalten zu ändern, im Vergleich dazu, es überhaupt erstmal bewusst wahrzunehmen. Daher ist das Anliegen dieses Textes in erster Linie die Bewusstmachung der Zusammenhänge und damit einhergehender Konsequenzen als Unterstützung zur Verhaltensänderung.

stomach-3532098_640.jpgNehmen wir zuerst einmal die rein egoistischen, also auf uns ganz persönlich bezogenen Argumente in Bezug auf den gewaltvollen Essenskonsum. Die Formulierung finde ich deswegen passend, da mit dem Überessen in der Regel ein Unwohlsein einhergeht, das jede solcher Veranstaltungen überschattet. Trägheit, Völlegefühl, Bauchschmerzen, Mattheit, solche und weitere Symptome kann die unregulierte Nahrungsaufnahme bewirken. An sich auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass man bei solchen Events oftmals mehr sitzt als steht, geschweige denn läuft oder rennt. Wenn der Körper also kaum mechanisch verbrennt, hat er umso mehr mit den im Magen angesammelten Kalorien zu kämpfen.

Verlust unseres Körpergefühls

Spannt man den Rahmen etwas größer, sehe ich vor allem als großes Risiko, dass wir den Bezug und das Gefühl zu unserem Körper verlieren. Wer von uns weiß tatsächlich, wie sich Hunger anfühlt? Und nein, nicht Appetit, sondern tatsächlich das viel tiefer im Körper angesiedelte Gefühl von Hunger, welches in erster Linie durch gute Lebensmittel Befriedigung erfährt. Wer sportlich aktiv ist, kennt vielleicht Situationen, in denen der Körper gezielt nach brauchbaren Nahrungsmitteln wie Vollkornbrot, Salat oder Nudeln lüstet, um schnellstmöglich Brennstoff für die Muskeln und Verarbeitungsprozesse zu erhalten. Ein solches Bedürfnis habe ich persönlich im Rahmen von Sitzevents noch nie verspürt.

Newsletter

Der Verlust des Körpergefühls stellt aus meiner Sicht eine Hauptursache für heutige Volkskrankheiten wie Adipositas, zu hoher Cholesterinspiegel, die umgangssprachliche Zuckerkrankheit oder ähnliche dar. Wenn wir verlernen zu spüren, was unser Körper braucht oder zumindest, was ihm schadet bzw. nicht guttut, dann fungiert dieser eher als Mülleimer für unsere kurzfristigen Essensgelüste. Daraus resultierende Abnutzungserscheinungen sollten uns nicht überraschen.

Im MBSR (Mindfulness-based Stress Reduction Program), einem durch Dr. Jon Kabat-Zinn entwickelten Achtsamkeitstraining, wird gleich zu Beginn des Seminars eine Übung durchgeführt, die das Schärfen der Sinne und eine verbesserte Selbstwahrnehmung zum Ziel hat. Die Teilnehmer erhalten drei Rosinen und dürfen eine nach der anderen in den Mund nehmen und zerkauen. Wichtig ist bei dieser Übung der Fokus auf die Geschmacksnerven und das bewusste Wahrnehmen der verschiedenen Nuancen dieser Rosine. Viele berichten nach dieser Übung, dass es ihnen schwergefallen ist, tatsächlich für längere Zeit auf nur einer Rosine herumzukauen. Sie konnten bei sich selbst beobachten, dass sie sich, noch bevor die erste Rosine heruntergeschluckt war, gleich die nächste in den Mund stecken wollten.

Diese Übung, die ich selber noch nie mitgemacht, sondern nur davon gelesen habe, ist mir sehr in Erinnerung geblieben, da sie mir erstmals mein eigenes abgestumpftes Essverhalten deutlich gemacht hat.

Ein weiteres Argument, das aus meiner Sicht im Zusammenhang mit gewaltvollem Essenskonsum Beachtung finden sollte, ist die Lebensmittelverschwendung, die damit einhergeht.

Im Film „Tribute von Panem“ wird gezeigt, wie die reichen Personen der gehobenen Schicht Tabletten schlucken, um sich nach einer ausgiebigen Völlerei zu übergeben und dadurch wieder Platz zu schaffen, noch mehr Essen zu sich zu nehmen. Was in diesem Film als hyperbolisches Stilmittel zur Verdeutlichung des extremen Klassengefälles verwendet wird, halte ich eigentlich gar nicht für so weit hergeholt. Zwar sind wir nicht an dem Punkt, Tabletten zu nehmen, um weiteressen zu können, allerdings praktizieren wir das Konsumieren im Überfluss durchaus auch in unserer realen Welt, während es nach wie vor Menschen gibt, die nicht genug Essen zur Verfügung haben. Wo ist der Sinn, wenn wir uns bis zum Bauchschmerz vollstopfen mit Lebensmitteln, einfach nur, weil diese für uns grenzenlos verfügbar sind? Warum konsumieren wir wesentlich mehr, als wir tatsächlich für unser Wohlbefinden benötigen, einfach nur, weil wir es können und heizen dadurch die Produktionsmaschinerie immer weiter an?

Eine positive Herausforderung schaffen

Es gibt soziologische Phänomene, welche die oben beschriebenen Verhaltensweisen durchaus begünstigen oder sogar herbeiführen. Hierzu zählen beispielsweise sozialer Druck oder auch Gruppendynamiken (in der stärksten Form Gruppenzwang). Wenn alle aus einer Gruppe das Buffet plündern, möchten wir ungerne der „Spalter“ sein, der nicht mitmacht. Leider geht es manchmal sogar so weit, dass wir schräg angeguckt werden, wenn wir nichts essen möchten oder uns Sprüche gefallen lassen müssen. Was dahinterstecken könnte, lässt sich an anderer Stelle erörtern, da es den Rahmen hier sprengen würde. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, dass wir uns selbst aus der passiven Rolle des „nicht Mitmachers“ befreien und uns aktiv für ein „ich mache, was mir guttut“ entscheiden. Jede unangenehme Situation kann zu einer positiven Herausforderung umgedeutet werden, der wir uns stellen und die wir aus guten Gründen eingehen.

Die Idee ist, sich nicht das Essen zu verbieten, sondern sich selbst zu testen und zu beobachten. Wer schon einmal eine Diät versucht hat, weiß wahrscheinlich wie unangenehm es sein kann, sich Dinge zu verbieten. Wenn der Blick auf ein anderes Essverhalten jedoch nicht der des Verzichts ist, sondern der von Genügsamkeit und bewusstem Wohlwollen in Bezug auf sich selbst, gepaart mit einer Wertschätzung den Nahrungsmitteln gegenüber, dann entsteht im besten Fall ein anderes Selbstverständnis des eigenen Verhaltens.

Es gibt viele Dinge, die unserem Körper Schaden zufügen können. Essen sollte aus meiner Sicht keines davon sein!


Das könnte dir auch gefallen...
Lachen_Anriss.jpg
Lachen ist gesund. Das weiß eigentlich jedes Kind. Nur scheinen Kinder das auch tatsächlich besser zu beherrschen, als wir Erwachsenen. Wenn Kinder lachen, berührt das unsere Herzen und steckt uns an. Zu welchem Zeitpunkt in unserem Leben verlieren wir diese einzigartige Fähigkeit und noch viel wichtiger: Wie bekommen wir sie zurück?
Lebenshoefe_Anriss.jpg
Die Lebenshöfe bei Berlin ermöglichen Tieren, die Glück im Unglück hatten ein friedvolles Leben. Den Tieren mit Respekt und wohlwollen zu begegnen ist auf diesem Hof spürbar. Ein Ort der Liebe und des Lebens.
Wandel_Anriss.jpg
Der Deckmantel Nachhaltigkeit ermöglicht es uns, die unbequemen Themen der heutigen Zeit wegzulächeln, anstatt den eigenen Lebensstil und unser Verhalten kritisch zu hinterfragen. Es gibt jedoch gute Gründe dafür, sich der eigenen Unbehaglichkeit zu stellen.
Konversation wird geladen