Posted by admin  |  June 29, 2019

Wer sich noch an die Fernsehsendung für Kinder, „Löwenzahn“, erinnern kann, der erinnert sich auch an den grauhaarigen Mann mit der Brille und dem passenden Namen, Peter Lustig, der in einem Bauwagen lebte. Was bei ihm damals noch ungewöhnlich und vielleicht auch etwas schräg wirkte, ist heute ein entwickeltes und modernes Wohnkonzept, das unter der englischen Bezeichnung „Tinyhouse“ mehr und mehr Aufmerksamkeit erweckt. Das winzige Haus, wie es auf Deutsch übersetzt heißt, ist mittlerweile kein „Aussteiger-Hippie-Ding“ mehr, wie man vermuten könnte, sondern etabliert sich scheinbar tatsächlich zu einer ernstzunehmenden Wohnalternative.

P1010898.JPGIch finde die Idee, mit wenig Zeug auf wenig Raum zu leben, ebenfalls äußerst reizvoll, weswegen ich unbedingt mal in einem Tinyhouse probewohnen wollte. Gesagt, getan, haben mein Mann und ich drei Nächte im Tinyhouse „Fanni“ im österreichischen Gutenstein, ca. 80 km außerhalb von Wien, verbracht und den ausgebauten Wohnwagon auf Herz und Nieren geprüft. Außerdem hatten wir Gelegenheit, mit einer der beiden Gründer der Firma Wohnwagon, die „Fanni“ und mittlerweile auch viele weitere Tinyhäuser gebaut haben, zu sprechen und zu erfahren, ob der Tinyhouse-Trend tatsächlich zukunftsträchtig ist. Theresa und Christian haben sich mit ihrem Unternehmen Wohnwagon dem Traum erfüllt, einen Beitrag zur Veränderung in dieser Welt leisten zu können. Was ihre Wohnwagons tatsächlich realisieren, könnt ihr hier nachlesen.

Leben in einem Wohnwagon

Zuerst einmal lässt sich sagen, dass das Tinyhouse mit Erker ein wirklich perfekt konzipiertes kleines Wohnhaus ist. Mit einem gemütlichen Wohnbereich, einem sehr komfortablen Bett, einer gut ausgestatteten Küche und einem angenehm großen Bad (also keine „All-in-One“-Lösung auf 2m², wie man sich das vielleicht vorstellen mag), blieben erst einmal keine Wünsche offen. Jede freie Nische und ungenutzte Fläche wird für eine clevere Stauraummöglichkeit genutzt und so bleibt sogar Platz für einen kleinen Schreibtisch.

P1010908.JPGIn den 2 ½ Tagen vor Ort hatten wir 1 ½ Tage Regen und wurden somit direkt auf die Probe gestellt in Sachen Tagesgestaltung auf kleinem Raum. Durch die gute Aufteilung innerhalb des Wohnwagons haben wir uns absolut wohlgefühlt. Die verschiedenen Sitzmöglichkeiten, das abgetrennte Bad sowie der separate Küchenbereich haben uns die Möglichkeit gegeben, uns jederzeit mit dem zu beschäftigen, wonach uns gerade war, ohne dabei dem anderen auf die Nerven zu gehen.

Natürlich ist es keine Frage, dass das Wohnen im Tinyhouse umso schöner war, als die Sonne schien und wir die unfassbar tolle Kulisse direkt an einem Bachlauf genießen konnten. Und auch an diesem sonnigen und warmen Tag zeigten sich die Vorzüge der kleinen „Fanni“: Der Wohnwagon heizte sich nicht übermäßig auf und bot uns mit einem Sonnensegel vor der Tür einen angenehm schattigen Platz.

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Die Tinyhouses der Firma Wohnwagon sind so konzipiert, dass ein weitestgehend autarkes Leben möglich wird. Mithilfe einer Bio-Toilette, die vollständig kompostierbar ist, Solarplatten auf dem Dach, die für warmes Wasser sorgen sowie einem Holzofen im Wohnraum, der auch an kalten Tagen für ein gemütliches Raumklima und Warmwasser sorgt, konnten wir somit weitestgehend abgeschnitten von der Zivilisation leben. Einzig der Wasseranschluss, der uns Trinkwasser ermöglicht hat, verband uns mit unserem Stellplatz. Hierfür gibt es jedoch auch Aufbereitungsmodule, die einen eigenen und komplett autarken Wasserkreislauf ermöglichen. Das Leben in einem so kleinen Zuhause ist also nicht nur möglich, sondern dank der wirklich ansprechenden und praktischen Konzipierung eine tatsächliche Alternative, die erst einmal alles bietet, was man benötigt.

Christians und Theresas Vision

Christian und Theresa sind die Gründer der Firma „Wohnwagon“, die ihren Sitz in Gutenstein, Österreich, hat. Theresa leitet die Geschäfte und Christian kümmert sich um die Innengestaltung und das Design und damit die optimale Platzausschöpfung der kleinen Wohnbauten.

Etwas tun gegen den Wahnsinn in dieser Welt, das war und ist Theresas Anliegen, von dem sie schon immer angetrieben wurde. Christians Vorschlag im Jahr 2012, einen autarken kleinen Wohnwagen zu bauen, kam Theresa daher wie gerufen, konnte sie in der Idee viele Antworten auf ihre eigenen Lebensfragen finden.

Theresa Steininger.JPGDie damals 22-Jährige hatte Marketing und BWL studiert und sich mit einer kleinen Werbeagentur selbständig gemacht. Umso beeindruckender ist es, wenn man sie heute von den Wohnwagons sprechen hört und merkt, welches Wissen sie über die bautechnischen Voraussetzungen mittlerweile hat – alles selbst angeeignet.

Theresa hat sich, wie sie selbst berichtet, schon immer für eine bessere Welt stark gemacht, sich politisch engagiert, demonstriert und stets darum bemüht, etwas zu bewegen. Ihre ernüchternde Erkenntnis damals war jedoch, dass auf diesen Ebenen die Mühlen langsam mahlen bzw. man sich mit dem Wunsch nach Veränderung in bürokratischen Netzen verstrickt und somit den Großteil der Zeit und Energie in der theoretischen Erarbeitung verpulvert, anstatt diese in die praktische Umsetzung zu investieren.

Aus ihrer Sicht ist das der tollste Aspekt an den Wohnwagons: Sie und die mittlerweile 26 weiteren Personen, die bei Wohnwagon tätig sind, können ihren Beitrag sofort und direkt in die Welt bringen. So bestehen die Wohnwagons zu 95% aus natürlichen Materialien, ein Großteil davon direkt aus Österreich bezogen, und ermöglichen den Besitzern ein weitestgehend autarkes Wohnen.

Die Wohnwagons erfüllen für Theresa auf vielen Ebenen ihre Vorstellungen einer besseren Welt: Die Reduktion des eigenen Lebens, das Bauen mit Naturstoffen, die Autarkie und vor allem auch der Gemeinschaftsgedanke, der indirekt mit einer solchen Wohnweise verbunden ist. Wenn ich selbst nicht mehr ausreichend Platz habe, alles zu besitzen, muss ich zwangsläufig in den Austausch mit meinen Nachbarn gehen, um das Eine oder Andere auszuleihen oder zu teilen. Gerade dieser Aspekt ist mir erst im Gespräch mit Theresa bewusst geworden, halte ich jedoch für einen interessanten Gedanken.

Zwar eignen sich die massiv gebauten Wagen nicht für den Lebensstil eines Nomaden, es ist jedoch durchaus möglich, ihn von Zeit zu Zeit auf einen anderen Stellplatz zu bewegen. Alleine deswegen stellt der Wohnwagon eine attraktive Alternative zum heute so beliebten fest verbauten Einfamilienhaus dar. Was ist das für eine Vorstellung, seinen Wohnort von Zeit zu Zeit wechseln zu können, sein Eigenheim jedoch immer mit dabei zu haben?

Die Wohnwagon-Visionäre basteln aktuell an einer Idee für gemeinschaftliches Wohnen. Nicht nur für Familien bietet die Standardversion „Fanni“ etwas wenig Schlafraum – wofür es vereinzelt bereits Konzeptideen gibt. Auch das generationsübergreifende Wohnen soll im Rahmen der Wohnwagons möglich werden, dank zusammengesetzter Module, die sich den individuellen Bedürfnissen der Bewohner anpassen können.

Wie zukunftsfähig ist diese Idee?

Wohnwagon Nummer 63 wurde gerade verkauft, eine stattliche Zahl, wenn man bedenkt, dass der erste Wagon im Dezember 2014 ausgeliefert wurde und der Betrieb keine Massenfertigung betreibt. Dennoch oder gerade deswegen stellt sich die Frage, wie zukunftsfähig das Tinyhouse als Wohnalternative tatsächlich ist.

P1010899.JPGTheresa findet hierfür klare Worte: „Oft wird heute so billig gebaut, dass du diese Häuser wahrscheinlich in 25 Jahren komplett renovieren kannst. Ich finde es dramatisch, wie sich die Bauindustrie entwickelt hat! Das hätte man sich früher nicht getraut, jemandem so einen Schrott hinzustellen.“ Die deutlichen Worte der jungen Unternehmerin lassen keinen Zweifel daran, dass es ein Umdenken geben muss oder scheinbar bei vielen auch schon gibt.

Sie relevantere Frage scheint nicht zu sein, ob ein Tinyhouse in Sachen Komfort und Ressourcen eine adäquate Alternative zum klassischen Einfamilienhaus darstellt. Vielmehr muss für eine solche Entscheidung ein Umdenken in Sachen Konsum und Besitz stattfinden und hier sehe zumindest ich einen entscheidenden Knackpunkt. Um mit wenig auszukommen, wenig zu besitzen und auch wenig zu verbrauchen bedarf es einer inneren Haltung, die sich von den konventionellen gesellschaftlichen Bestrebungen nach immer mehr abkoppelt. Die werbegeprägte Aufzählung „mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder, mein Pool, mein …“ scheint nach wie vor bei so vielen Menschen tief verankert zu sein, dass ein Umdenken auf dieser Ebene der Frage nach einem aus natürlichen Rohstoffen gefertigten und komplett autarken Minihaus vorausgehen muss.

Hinsichtlich der aktuell noch von vielen angestrebten Wohnraumgröße beschreibt Theresa einen weiteren interessanten Aspekt. Das Bauen eines Hauses setzt ein erhebliches Eigenkapital voraus, welches vom „Otto Normalverbraucher“ erst einmal erwirtschaftet und angespart werden muss. Nicht selten ist ein Hausbau somit überhaupt erst realisierbar mit Ende 30/Anfang 40. Theresas Rechnung nach sind die ältesten Kinder dann bereits 10 Jahre alt. Das glückliche Familienleben im Eigenheim – und dieses wird ja mindestens dadurch limitiert, dass die Raten für das Haus erwirtschaftet werden müssen – beläuft sich danach noch auf 8 bis 10 Jahre, dann ziehen die Kinder sehr wahrscheinlich in die große weite Welt. Wer braucht zu zweit dann noch so viel Wohnraum? „Dann hockt man mit Anfang 50 in einem viel zu großen renovierungsbedürftigen Betonbau, na Herzlichen Glückwunsch!“, fasst die Tinyhouse-Befürworterin etwas sarkastisch zusammen. Ganz Unrecht hat sie damit nicht.

Es ist wohl an der Zeit, nicht nur die eigenen Träume und Visionen in ihrer Umsetzbarkeit und Sinnhaftigkeit zu überprüfen, sondern auch unser Anspruchsdenken in Sachen Konsum und Verbrauch zu hinterfragen und neu zu formen.

Wenn du mehr über Wohnwagon und ihre Tinyhouses erfahren möchtest, kannst du hier nachlesen.

Empfehlenswert ist auch dieses Video, in dem Christian und Theresa die Funktionsweise der Tinyhouses und die Autarkiekonzepte ausführlich erklären.

ww-logo-e1534842190723.pngUnd was eigentlich am Tollsten ist: Du kannst jederzeit in einem Tinyhouse deiner Wahl PROBEWOHNEN! Buche hier einfach deine Übernachtung und teste es selber aus, reduziert und autark zu leben.

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