Posted by admin  |  July 28, 2019

Es gibt Situationen im Leben, da weiß man, etwas Vergleichbares hat man noch nie zuvor erlebt.

Einen solchen Moment habe ich vorgestern erlebt, als ich dabei helfen durfte, eine Schafsherde und vier junge Kühe – Färse genannt, wie ich ebenfalls gelernt habe – von einer Weide zur nächsten zu begleiten. Ich sage hier extra „begleiten“, da die Vorgehensweise nicht im Entferntesten etwas damit zu tun hatte, wie ich mir das „Treiben“ einer Herde vorgestellt hatte. Vielmehr in Austausch mit den Tieren, geduldig und mittels Vertrauens haben wir sie dazu gebracht, uns zu folgen und die neue Weide in Beschlag zu nehmen.

Aber von Anfang an:

In der Nähe von Berlin in einem Ort namens Hermersdorf (Müncheberg) befindet sich ein Lebenshof für Tiere, den meine Schwester, ihr Freund, mein Mann und ich vorgestern besucht haben. Lebenshof, nicht Gnadenhof, das war die erste Lektion die wir lernen durften. Elisabeth, eine herzensgute und erfrischende Frau, die uns vor Ort in Empfang genommen hat, erklärte uns den Unterschied. Keines der Tiere, das dort lebt, hat je etwas verbrochen. Es gibt also keinen Grund, diese Tiere zu begnadigen. Sie sollen einfach leben dürfen! Das haben wir sofort verstanden und finden die Bezeichnung Lebenshof auch viel passender.

Elisabeth lebt mit und für diesen Hof. Das sagt sie nicht nur, das spürt man in jeder Geschichte, die sie zu berichten hat. Es ist eine harte Aufgabe, die manchmal aussichtslos erscheint und die sie dennoch unter keinen Umständen aufgeben möchte. Elisabeth ist Rentnerin, wie sie selber sagt. AnsehElisabeth.jpegen tut man ihr das nicht. Das Leben mit den Tieren tut ihr gut und hält sie frisch. Genau wie Jörg, den wir ebenfalls kennenlernen durften. Er und seine Frau Beate unterstützen Elisabeth und ihre Arbeit, wo sie nur können. Nicht als Job, sondern aus Überzeugung. Jörg ist Lehrer. Der coolste Lehrer, den wir bisher getroffen haben, da sind wir uns einig. Anstatt sich in den Sommerferien an irgendeinen Strand zu legen, hilft Jörg auf dem Hof. Vorgestern hat er die Zäune umgesetzt, damit die Tiere die Weide wechseln konnten.

(Foto: Lasst die Tiere leben e.V.)

Bei brütender Hitze in praller Sonne hat er unerschütterlich gearbeitet, meist alleine. Wir haben uns bemüht, ihn zu unterstützen, was jedoch gar nicht so einfach war. Was wissen wir schon vom Zaunbauen und Traktorfahren? Wahrlich nicht viel, aber wir haben unser Bestes gegeben, uns mit den Tieren beschäftigt, ihm die Füße freigehalten.

Tiere, davon haben wir vorgestern viele gesehen. Näher und echter, als ich die meisten von ihnen je zuvor erlebt hatte. Schweine, Gänse, Kühe, Schafe und Kaninchen, die waren allerdings nur zu Besuch. Als wir auf den Hof kamen, begrüßten uns gleich ein paar große Schweine. Ausgewachsen sind sie aber wohl noch nicht. Sie waren neugierig, zugewandt, fast ein bisschen frech und mochten es, von uns gestreichelt zu werden. Eine überraschende Erkenntnis, die wir im Laufe des Tages noch öfter erleben sollten. Ein Schwein fasst sich ungewohnt aP1010949.JPGn, borstig mit fester Haut. Eine erstaunliche Erfahrung, ein großes, zufrieden grunzendes Schwein zu streicheln. An diesem brütend heißen Tag haben sich die gemütlichen Tiere aus ihren schattigen Plätzen gewagt, um uns friedvoll und interessiert zu begrüßen und sich eine Streicheleinheit abzuholen. Ein tolles Gefühl!

Nachdem wir die borstigen Zeitgenossen ausgiebig kennengelernt hatten, ging es weiter zu den Schafen „mit besonderen Bedürfnissen“, wie Elisabeth uns berichtet. Die Erlebnisse, die diese Tiere bereits mitgemacht haben, sind an einigen von ihnen nicht spurlos vorbeigegangen. Die Behandlung mit Medikamenten oder eine stetige Beobachtung ihres Zustandes macht es notwendig, dass sie auf dem Hof bleiben. Sobald es ihnen besser geht, dürfen sie wieder zurück zu ihrer Herde auf die Weide.

P1010959.JPGDie Geschichten der Tiere auf dem Lebenshof sind sehr unterschiedlich. Elisabeth und Jörg haben uns davon berichtet. Ein Moment, der nicht spurlos an uns vorbeigegangen ist. So friedvolle Tiere mit einer so angst- und schmerzvollen Vorgeschichte, das hat uns sehr bewegt. Natürlich kennen wir die Geschichten. Wir wissen, wie es den Tieren in der Massenhaltung ergeht, was mit anderen Tieren in Versuchslaboren geschieht und wie wenig Bedeutung all dem beigemessen wird. Es ist aber einfach etwas anderes, diese Tiere real zu erleben, sie anzufassen und mit ihnen zu interagieren. Das ist wundervoll und erschütternd zugleich. So schön die Momente mit diesen Tieren waren, so präsent war im gleichen Moment die Gewissheit, dass der Lebenshof bei Berlin nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Ein Tropfen, der jedoch jede Mühe Wert ist. So sehen das auch Elisabeth und Jörg. „Wir versuchen, es nicht so zu sehen. Wir unterstützen uns gegenseitig, bauen uns auf. Das motiviert uns zum Weitermachen“, berichten die beiden.

Von der Schafswiese auf dem Hof ging es weiter zur Weide. Wir wollten die Herde kennenlernen und die Färsen.  Als wir auf der Weide ankamen, begrüßten uns die vier jungen Kühe sofort. Von Scheue keine Spur. P1010963.JPG„Das ist Tati, die ist frech“, stellte uns Elisabeth die Mutigste der vier vor. Sie wagte sich am weitesten vor, drückte uns ihren Kopf in den Bauch und wollte gestreichelt werden. Das Gefühl ist unbeschreiblich, wenn ein so großes und robustes Tier sich so verkuschelt an einen schmiegt und Liebe haben möchte. Wir waren überwältigt, begeistert, voller Wärme.

Die Schafsherde hatte sich unter dem Wagen mit dem Wassertank verkrochen. Ein lustiges Bild, wie sie da alle übereinander lagen, auf der Suche nach ein bisschen Schatten. Sie ließen sich weniger davon beeindrucken, dass wir sie besuchten. Ohnehin konnten wir feststellen, dass die Schafe schreckhafter waren, empfindsamer auf schnelle Bewegungen reagierten. Also hockten wir uns auf die Wiese und beobachteten erst einmal. Das hat zumindest einigen der Schafe ausreichendes Vertrauen vermittelt, dass sie sich hervorwagten, an uns heranpirschten und … dann ebenfalls ihren Kopf in unseren Bauch drückten, um ausgiebig gestreichelt zu werden. Einfach goldig!

Nachdem Jörg den neuen Zaun aufgebaut hatte, ging es nun darum, die Tiere die ca. 200 Meter von der einen Weide zur anderen zu begleiten. Als wir die Weide betraten, dachte ich im ersten Moment „das kann ja was werden“. Völlig desinteressiert taten die Tiere einfach das, was sie so taten. Schlafen, fressen, herumliegen. Es war erstaunlich, was passierte, als Jörg anfing, mit lauter Stimme „auf geht’s, wir wollen los“ zu rufen. Als wüssten die Schafe genau, was damit gemeint ist, stand eines nach dem anderen auf und fing an, sich in unsere Richtung zu bewegen. Jörg, meine Schwester und ihr Freund joggten locker los in Richtung neuer Weide und mit einem Mal rannten die Schafe als gesamte Herde ihnen hinterher. Absolut beeindruckend! Sowas haben wir als Stadtkinder noch nie erlebt.

Mein Mann und ich hatten die herausforderndere Aufgabe. Die Kühe waren viel weniger impulsiv als die Schafe und ließen sich nur ganz langsam davon überzeugen, uns zu folgen. Als sie sich dann doch langsam hinter uns hertrottend auf dem richtigen Weg befanden, hielten sie alle fünf Meter an, um von dem frischen Gras zu fressen. Und hier passierte nun, was mich zutiefst überrascht und beeindruckt hat. Wir versuchten, die Kühe an ihrem Halfter in die gewünschte Richtung zu ziehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Eine Kuh, die nicht will, die will nicht. Da spielen wir einfach nicht in der gleichen Gewichtsklasse. Außerdem hat es sich ohnehin nicht richtig angefühlt, die Kuh zum Gehen zwingen zu wollen. Also redeten wir mit den Tieren, motivierten sie zum Weiterlaufen. Und was passierte? Sie unterbrachen ihre Mahlzeit und trotteten uns wieder ein paar Schritte hinterher. Sie hörten auf uns, folgten uns. Warum? Es könnte ihnen ja egal sein, dass wir da aufgeregt um sie herumspringen. Das war es aber scheinbar nicht. Sie machten es eben nur in ihrem Tempo.

P1010960.JPG

Der Tag auf den Lebenshöfen bei Berlin hat uns vier sehr geprägt. So viel Liebe bei Mensch und Tier, das war mehr, als wir erwartet hatten. Jörg und Elisabeth, zwei herzensgute Menschen, die uns als Unbekannte an ihrer Geschichte und ihren Gefühlen teilhaben ließen. Die Schweine, die Kühe, die Schafe, die uns interessiert und wohlwollend begegneten. Das kann man nicht beschreiben, das muss man erleben.

Ein Projekt wie dieses lebt davon, Unterstützer zu finden. Menschen, die mitmachen oder etwas beitragen wollen. Solche Menschen suchen Elisabeth, Jörg und die anderen Mitglieder des Vereins „Lasst die Tiere leben e.V.“. Dafür veranstalten sie regelmäßig Besuchertage. Sie möchten informieren und sensibilisieren für die Arbeit und die Verantwortung, die in dem Projekt steckt.

Unterstützung

Wenn ihr die Lebenshöfe unterstützen möchtet, könnt ihr hier Kontakt mit Elisabeth aufnehmen:

lassdietiereleben@gmail.com

Auch finanzielle Hilfe und jede Form von Verbreitung im Freundes- und Bekanntenkreis kann einen großen Beitrag leisten:

Spendenkonto:

Kontoinhaber: Lasst die Tiere leben e.V.

Kreditinstitut: GLS Bank

Konto: DE41 4306 0967 1223 6221 00

BIC: GENODEM1GLS

Patenschaft:

Einige Tiere haben noch keinen Paten. Auch eine Patenschaft kann eine direkte und zweckgebundene Unterstützung für die Tiere sein.

Weitere Infos dazu findet ihr hier: https://lasst-die-tiere-leben.org/patenschaften/


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