Posted by admin  |  March 5, 2019

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Lesezeit: 7 Minuten

Neulich habe ich mit meinem Mann eine rege Debatte über den Begriff Nachhaltigkeit geführt und die Frage, was sich dahinter eigentlich genau verbirgt. Dabei ist mir bewusst geworden, dass dieses Thema, so positiv es mir persönlich auch erscheint, leider schon ziemlich „ausgelutscht“, missbraucht, verzerrt und überinterpretiert wurde. Dies bringt einen zwangsläufig zu der Frage, was Nachhaltigkeit eigentlich genau ist. Kann Nachhaltigkeit alles sein, überall und in jedem Bereich? Und wenn ja, was bringt sie dann überhaupt? Ist sie dann nicht letztlich nur ein Trend, eine leere Worthülse, das sprachliche Pendant zur Schlaghose, die mal hip und sexy war, dann out und uncool und dann plötzlich wieder top aktuell?

Wenn man den Begriff Nachhaltigkeit durch eine Suchmaschine jagt, stößt man schnell auf eine heute gebräuchliche Differenzierung zwischen ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit. Das alleine lässt mich schon aufhorchen. Ökonomische Nachhaltigkeit…was soll das denn bitte sein?!

Das Gabler Wirtschaftslexikon schreibt hierzu: „Ökonomische Nachhaltigkeit beschreibt die Maximierung des ökonomischen Ertrags bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der benötigten Eingangsressourcen.“ *1 „Maximierung des ökonomischen Ertrags“, da sträubt sich in mir gleich alles. Wenn ich anmoney-2696219_640.jpg Nachhaltigkeit denke, denke ich an den Erhalt von Wäldern und Arten, den Tierschutz, an Regionalität und Subsistenzwirtschaft, an Gemeinschaftssinn und die Fürsorge für mich und meine Mitwelt. Leider verbirgt sich dahinter nur meine eigene und ganz individuelle Interpretation und Deutung des Begriffs Nachhaltigkeit und keineswegs eine allgemeingültige Definition. Der Begriff wird ganz im Gegenteil vielseitig, kontextunabhängig und ganz bestimmt auch werbewirksam benutzt und triggert bei jedem etwas anderes, je nach Zielgruppe, Erfahrungsschatz, Lebensweise und Perspektive.

Daraus resultieren zwei Möglichkeiten: Entweder belässt man es dabei, dass Nachhaltigkeit alles und nichts sein kann. Damit wären wir dann wieder bei den Schlaghosen. Einige sagen, ist nett, andere sagen, ist Quatsch, spielt am Ende aber auch keine Rolle, da es sich nur um einen Trend handelt, der irgendwie inhaltslos und vergänglich ist. Wem jedoch etwas an dem Thema dahinter gelegen ist, der wird mit dieser Lösung nicht einverstanden sein. Das unbedachte, rücksichtslose, selbstsüchtige und zukunftsgefährdende Abholzen, Aufbrauchen, Verwüsten, Ausbeuten und Vermüllen der Mitwelt (den Begriff habe ich neulich irgendwo gelesen anstelle von Umwelt und er gefällt mir irgendwie besser) durch den Menschen ist für viele ein zu wichtiges Thema – und sollte es im Grunde für alle sein –, als dass es mit einem Schlaghosen-Vergleich degradiert und in das Trendbuch des frühen 21. Jahrhunderts aufgenommen werden sollte.

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Doch wenn Nachhaltigkeit eine ernstzunehmende Größe / Bewegung / Orientierung werden soll, die das eigene und das gesamtgesellschaftliche Denken und Handeln beeinflusst, dann braucht es einen Maßstab, eine Art Richtwert, mit dem die positiven Auswirkungen messbar und vergleichbar werden. Denn, wenn ich mit meinem SUV zum Bio-Supermarkt um die Ecke fahre, um dort Bananen und Avocados zu kaufen, wie nachhaltig bin ich dann? Und bitte nicht falsch verstehen, ich möchte hier niemanden anklagen. Da müsste ich mir vermutlich in vielen Situationen erst einmal an die eigene Nase fassen. Es geht um das verdeutlichen des Nachhaltigkeits-Dilemmas.

Ein noch plakativeres Beispiel ist die groß ausgelegte Plastiktüten-Kampagne der letzteshopping-bag-231953_640.jpgn Jahre. Was bringt es denn bitte, sämtliche Plastiktüten in Supermärkten abzuschaffen, wenn das Gemüse, das ich in meine Papiertüte räume, in Plastikfolie eingewickelt ist?! Und dennoch gab es einen großen Ruck in den vergangenen Monaten. Alle haben plötzlich von Supermärkten ohne Plastiktüten gesprochen, jeder hat damit geworben, alle haben sich dadurch ein bisschen besser gefühlt. Aber ist das nicht der Ansatz am falschen Ende? Ist es nicht absurder, Obst und Gemüse in Plastik einzuwickeln, als ganz am Ende der Einkaufskette die Lebensmittel in eine Plastiktüte zu legen? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann man auch argumentieren, es ist ein Anfang, ein Versuch, an irgendeiner Stelle anzusetzen.

Oder man stellt sich mal die Frage, wie groß der ökologische Schaden ist, der durch die Massentierhaltung und die durch Gülle verseuchten Erdböden ist, im Vergleich zum ökologischen Schaden, der durch das Ertrinken im Plastikmüll entsteht. Ich kann die Antwort darauf nicht geben. Lässt sich das überhaupt vergleichen? Hat das vielleicht sogar schon mal jemand gemacht?

Ein Ansatz, der mir sofort dazu einfällt, ist der ökologische Fußabdruck. Hierbei handelt es sich um den Versuch, all diese verschiedenen Faktoren, die unser tägliches Tun und Handeln mit sich bringen, messbar und vergleichbar zu machen, in einem einheitlichen Wert. Bei Wikipedia findet man hierzu folgende Definition: "Unter dem ökologischen Fußabdruck wird die biologisch produktive Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter den heutigen Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Er wird als Nachhaltigkeitsindikator bezeichnet. Das schließt Flächen ein, die zur Produktion von Kleidung und Nahrung oder zur Bereitstellung von Energie benötigt werden, aber z. B. auch zur Entsorgung von Müll oder zum Binden des durch menschliche Aktivitäten freigesetzten Kohlenstoffdioxids. Der Fußabdruck kann dann mit der Biokapazität der Welt oder der Region verglichen werden, also der biologisch produktiven Fläche, die vorhanden ist.

steps-1974062_640.pngNach aktuellem Stand liegt der ökologische Fußabdruck der Menschheit bei 1,7 Erden. Im vergangenen Jahr waren bereits am 01. August alle nachhaltig natürlichen Ressourcen für das gesamte Jahr erschöpft, sprich darüber hinaus wurden Ressourcen verbraucht, die auf natürliche Weise nicht im gleichen Tempo wieder reproduziert werden konnten. Es wurde mehr Kohlenstoff in Umlauf gebracht, als Wälder und Ozeane in einem Jahr absorbieren können, mehr Fische gefangen, mehr Bäume gefällt, mehr geerntet und mehr Wasser verbraucht als die Erde in derselben Zeit wiederherstellen konnte.

Wenn wir den ökologischen Fußabdruck als Maßstab für unsere Nachhaltigkeit ansehen, dann müssten wir alle Handlungen, die wir im Sinne der Nachhaltigkeit ausführen, auch genau unter diesem Maßstab betrachten. Wenn ich also vorhabe, über nachhaltige Projekte überall auf der Welt zu berichten, um Unterstützer zu finden und Aufmerksamkeit zu erwecken, dafür jedoch weitere Reisen mit dem Flugzeug unternehme, wie nachhaltig ist das Vorhaben dann tatsächlich noch?

Gleichermaßen irritierend erscheint aus diesem Blickwinkel ein Klimagipfel, zu dem viele politische Persönlichkeiten von weither mit dem Flugzeug anreisen, um über Klimaziele zu tagen, die letztlich doch kaum eingehalten werden.

Nun bin ich selbst kein Freund von Pessimismus und Schwarzmalerei. Der Grüne Elefant soll keine Defizite, Fehllenkungen und Missstände aufzeigen, sondern über Möglichkeiten, Ideen und Schritte vorwärts berichten. Ob man es also Nachhaltigkeit oder Umwelt- und Tierschutz oder Achtsamkeit oder einen bewussten und rücksichtsvollen Lebensstil nennt, entscheidend sind aus meiner Sicht die Intention und die Reflexion. Ist die Intention das Mitschwimmen auf einer Trendwelle, dann bleibt das eigene Wirken eben eine Schlaghose, eine Momentaufnahme ohne tatsächliche Wirkkraft. Gibt es jedoch hinter den Handlungen ein Bewusstsein, welches durch das Durchdenken und Hinterfragen des Ist-Zustandes und das kritische Infragestellen bisheriger Normalitäten gefüttert wird, halte ich erst einmal jede Aktion für einen Schritt nach vorne. Die Reflexion über die eigenen Beweggründe, das dahinterstehende Warum, führt uns vermutlich automatisch zum ökologischen Fußabdruck und der Frage, welchen Mehrwert das eigene Handeln hat und welche Schritte uns am meisten voranbringen in unseren selbstgesetzten Zielen.

 

1 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/oekonomische-nachhaltigkeit-53449

2 https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck

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