Posted by admin  |  July 21, 2019

Hier kannst du dir den Text anhören.

Lesezeit: 7 Minuten

Ich bin mir darüber im Klaren, dass der Titel dieses Textes relativ provokant und absolut klingt und der Eine oder Andere sich vielleicht abgeschreckt fühlen könnte. Ich kann aber versichern, dass ich diese Absolutheit gut begründen kann und es sich lohnt, diese Argumente anzuhören. Ich freue mich über einen kritischen Austausch.

Gestartet habe ich den Blog „Der Grüne Elefant“ unter dem Label „Nachhaltigkeit“ und konnte mich zu Beginn auch sehr dafür begeistern. Ich dachte, dieses Wort würde meine Intentionen und Interessen gut beschreiben und damit zu meinem Blog passen. Ich weiß nicht, ob sich diese Interessen verschoben haben oder ob mir nur die völlig diffuse Verwendung des Begriffs Nachhaltigkeit mittlerweile besser bewusst geworden ist – vermutlich etwas von beidem –, jedenfalls empfinde ich ihn nicht mehr als passend.

Ich habe bereits in einem früheren Artikel darüber geschrieben, dass heutzutage irgendwie alles als nachhaltig gilt und es somit schwierig ist, sein eigenes Verhalten danach auszurichten. Mein Beispiel damals war der Einkauf im Biomarkt, zu dem wir jedoch mit unserem SUV fahren. Ist das dann wirklich nachhaltig, nur weil uns irgendein Werbeplakat fast penetrant davon überzeugen möchte? Ich glaube, ein großes Problem mit dem Label Nachhaltigkeit liegt in der losgelösten Betrachtung einzelner Aspekte. Eigentlich wird nie das große Ganze thematisiert oder hinterfragt, der ganze Lebensstil und eben nicht nur der Supermarkt, den man besucht oder das Auto, das wir fahren.

Wenn wir über Themen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung, Massentierhaltung, Artensterben, Ressourcenverbrauch, Ungleichverteilung, eben alles, woran eigentlich heute niemand mehr vorbeikommt, sprechen, dann ergibt es einfach keinen Sinn, sich ein einziges Thema aus recycled-3730538_640.jpgdem Kontext gerissen vorzunehmen, nur um das eigene Gewissen zu beruhigen. Ich selbst habe sogar noch zu Beginn des Grünen Elefanten geglaubt, dass ich einen wichtigen Beitrag leiste, wenn ich keine Plastikstrohhalme mehr verwende. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wenn ich meine Wohnung putzen möchte, weil sie komplett verdreckt ist und ich putze ausschließlich die Fenster, wie wirkungsvoll und zielführend ist dann das Ergebnis? Ein Besucher würde den Unterschied vielleicht noch nicht einmal bemerken, weil der Rest der Wohnung immer noch aussieht wie Sau. Ich will nicht sagen, dass sich der Aufwand so gar nicht lohnt. Immerhin ist ein kleiner Prozentsatz der Arbeit erledigt und saubere Fenster sind schön. Ich denke aber, es wird klar, worauf ich hinausmöchte: Eine wirkliche Veränderung bringt nur das Reinigen der ganzen Wohnung mit sich – so unbequem dies auch sein mag. Und wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, lohnt sich auch das Hinterfragen des Wohnverhaltens. Wenn es mir gelingt, meine Wohnung durch ein anderes Verhalten gar nicht mehr so eindrecken zu lassen, ist der Effekt am allergrößten.

Übertragen auf das Label Nachhaltigkeit verbergen sich hinter all den gut gemeinten (oder vielleicht auch nur auf Kundenbindung ausgelegten – oder warum sonst sollte ein riesiger Fleischkonzern wie McDonald’s plötzlich einen veganen Burger ins Angebot aufnehmen?) Maßnahmen aus meiner Sicht lediglich jede Menge dreckiger Fenster. Es ist natürlich echt fleißig, all diese Fenster zu schrubben – wir kaufen nur im Bioladen, holen uns den Kaffee fairtrade und kompensieren unsere Flugreisen –, trotzdem bleibt die Wohnung aber dreckig und unser Wohnstil schlampig. Erst, wenn wir uns ans Eingemachte heranwagen, uns mit uns selbst konfrontieren und unseren eigenen Beitrag zu der Überfluss-Gesellschaft, in der wir leben, reflektieren, misten wir tatsächlich aus und widmen uns dem Großen Ganzen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Selbstreflexion unbequem sein kann und die unangenehme Konsequenz in sich birgt, dass ich, einmal den Blick darauf gerichtet, nicht mehr weggucken kann. Jede Überlegung, Freunde, die weiter weg leben, zu besuchen und dafür mit dem Flugzeug zu fliegen, löst in mir sofort Unbehagen aus, lässt mich grübeln und konfrontiert mich mit meinen eigenen Überzeugungen. Klar, das ist nicht schön! Zumindest nicht im ersten Moment. Ich glaube aber, dass jeder Versuch, durch das Putzen der Fenster sitraffic-jam-388924_640.jpgch selbst zu beruhigen und zu hoffen, dadurch nicht mehr über die verdreckte Wohnung nachzudenken, Selbstbetrug ist. Ein Elektroauto zu kaufen, um dann hoffentlich nicht mehr über das eigene Autofahrverhalten nachdenken zu müssen, beruhigt unser Gewissen, betrügt jedoch uns selbst. Die Städte quillen trotzdem aus allen Nähten, der Verkehr ist eine zähflüssige Masse, an der niemand Freude hat und die kilometerlangen Autoschlangen an den Straßenrändern, die dort zu 80% geparkt verweilen und nur zu 20% bewegt werden, verschwinden keineswegs. Solange wir nicht bereit sind, bei uns selbst anzufangen, bei uns ganz persönlich und unverschleiert, solange wir nicht bereit sind, weniger zu kaufen, weniger zu verbrauchen und unseren ausgeuferten Lebensstil einzudämmen, solange wird unser Verhalten immer nur eine nette Politur sein.

Diese Gedanken haben mich dazu gebracht, den Grünen Elefanten anders auszurichten. Es gibt unzählige Nachhaltigkeits-Blogs, auf denen wir nachlesen können, wo wir die beste Naturkosmetik bekommen und bei welchen Online-Shops die „nachhaltigste“ Kleidung. Ich möchte mich jedoch herausfordern und mein eigenes Denken und Verhalten von Grund auf hinterfragen und verändern. Ich möchte weniger brauchen, weniger wollen, mich weniger ersatzbefriedigen und lieber in Menschen als in Dinge investieren. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen möchte ich beim Grünen Elefanten teilen und damit hoffentlich andere inspirieren und auf Gleichgesinnte stoßen.

Der Grüne Elefant widmet sich Themen wie Einfachheit und Reduzierung. Je weniger wir brauchen, desto weniger sind wir Abhängige der äußeren Begebenheiten und können freier und unabperson-723557_640.jpghängiger über unsere Zeit und unsere Energie verfügen. Darüber hinaus geht es um Themen wie Einklang und Besonnenheit. Je stimmiger wir mit uns selbst, unseren Werten, Vorstellungen und Überzeugungen sind und je mehr wir danach leben, desto einfacher wird uns unser Leben fallen. Wir haben teilweise oder vollständig verlernt, nach unseren eigenen Prinzipien und Werten zu leben und stattdessen der Allgemeinheit (das machen schließlich alle so) oder einzelnen Personen (mein Vater wollte das so) zu folgen. Wenn es uns jedoch um Zufriedenheit und Glück in unserem Leben geht, müssen wir uns die Fähigkeit, nach unserem eigenen Wertemodell zu leben, zurückholen. Erst dann wird es uns vollends gelingen, in Wohlwollen und gemeinschaftlich mit uns und anderen Menschen zu leben.

 

Von allem und (fast) nichts – Der Genügsamkeitspodcast

Im August veröffentliche ich zu diesen Themen auch einen Podcast, der Anregungen, Inspiration und einiges Wissenswertes liefern möchte und sich damit optimal ergänzt mit den Beiträgen des Grünen Elefanten. Ich möchte meine eigene Begeisterung für Themen, die über den Tellerrand hinaus gehen und den eigenen Geist weiten und bereichern, gerne weitergeben und freue mich daher über jeden, der dieses Interesse und die Begeisterung teilen kann und gerne auch befruchten!

Wenn ihr euch hier für den Newsletter des Grünen Elefanten eintragt, erhaltet ihr bereits jetzt das Cover und das Intro des Podcasts direkt in eurer Postfach. Darüber hinaus wird euch auch die 1. Folge am 02. August unkompliziert und auf direktem Weg per Mail zugeschickt.

Für alle anderen ist der Podcast am 05. August verfügbar.

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