Posted by admin  |  April 18, 2019

Hier kannst du dir den Text anhören.

Lesezeit: 11 Minuten

Ich lese gerade das Buch „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder und bin dort auf einen Absatz gestoßen, über den ich noch eine Weile nachgedacht habe. In dem Buch beschreibt die „Selfmade-Unternehmerin“ wie sie von der Werbedesignerin zur Gründerin eines fair und in Deutschland produzierenden Kleidungsunternehmens geworden ist.

Auf dieses Buch bin ich über den Film „Fair Traders“ gestoßen und auf diesen eher durch Zufall, er hat mich aber sofort angesprochen. Leider lief der Film zu dem Zeitpunkt nur in der Schweiz. Mittlerweile läuft er auch in ausgewählten Kinos in Deutschland, ich habe es aber noch nicht fertiggebracht, ihn mir anzusehen.

„Fair Traders“ handelt unter dem Slogan „True Stories of Ethical Business“ von drei Akteuren der freien Marktwirtschaft, die unter den Aspekten von Nachhaltigkeit agieren. Wen der Film interessiert, der findet hier den Trailer: https://www.fairtraders.ch/

Eine dieser drei Akteure ist Sina Trinkwalder. Sie hat sich mit dem Textilunternehmen „Manomama“ selbständig gemacht mit dem Anspruch, Menschen eine Arbeit zu geben, die aussortiert wurden oder anderswo keine Arbeit finden. Über eben dieses Unternehmen und wie es dazu kam, schrieb Sina Trinkwalder anschließend o.g. Buch und da mich sowohl der Film, als auch alle drei Protagonisten sehr angesprochen haben, wollte ich das Buch gerne lesen.

sewing-3405975_640.jpgSina Trinkwalder erzählt davon, dass sie in der Ideenfindung von dem Bedürfnis gepackt wurde, etwas zu produzieren. Ein Produkt, das man herstellt und am Ende tatsächlich in der Hand halten und anfassen kann. Durch einige andere Wendungen kam sie zur Produktion von Kleidung und lernte in diesem Zusammenhang den Nähmaschinentechniker Herrn Wilhelm kennen, der einst selber nähte, dank Preis- und Lohndumpings letztlich jedoch nicht bestehen konnte. Die darauffolgenden Ausführungen von Sina Trinkwalder waren es nun, die mich zum längeren Nachdenken gebracht haben und die wie folgt abgedruckt wurden:

„Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Vor allem: in einer Gesellschaft, die sich schlauer gibt, als sie ist. Zwei Beispiele zeigen es wunderschön: Unsere Kinder halten wir an, bereits im Vorschulalter auf das Abitur zu lernen. Alles darunter wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. „Mein Kind hat das Zeug dazu!“, heißt es oftmals. Aber: Wir achten nicht auf die Voraussetzungen und Fähigkeiten unseres Sprösslings, allein die beste schulische Bildung, nämlich die Hochschulreife mit anschließendem Studium ist unser Ziel. Dass jene Bildung dabei nicht unbedingt die beste für das Kind selbst ist, lässt der ungebrochene Run auf Nachhilfezentren und Schulcoaches erkennen. Allem zum Trotz zwingen wir unsere Kinder in ein Know-how-Korsett, das vielen von ihnen mehr als zu eng ist.

Auf der anderen Seite zeigt sich die Armseligkeit unserer Wissensgesellschaft an der fehlenden Wertschätzung gegenüber dem Handwerk. Nicht nur, dass Lehrberufe als des Losers letztes Los abgetan werden, das Handwerk selbst – einst güldener Stand – ist in unserem gesellschaftlichen Ansehen tief gesunken. „Ich mache mir doch nicht die Finger dreckig“, sagte mir einmal ein Praktikant in der Agentur, als ich ihn bat, mit mir zusammen ein Modell zu basteln. Er modelliere das lieber am Computer. Abgesehen davon, dass ich schneller war, überzeugte mein Modell den Kunden: Sie nahmen es in die Hand, drehten und wendeten es – und blätterten darin. Es war ein greifbares Ergebnis. Und genau das ist es, was uns Wissensgesellschaftsmitgliedern, uns Dienstleistungsarbeitern fehlt: ein greifbares Ergebnis. Etwas, das man mit den eigenen Händen produziert und am Ende des Tages in eben jenen halten kann. Ein haptisches Erlebnis. Ein Stück Zufriedenheit. Als Werber war ich selbst wochenlang damit beschäftigt, Konzepte und Präsentationen zu verfassen. Anschließend wurden diese vorgestellt – und verworfen, vertagt oder auf Wiedervorlage gesetzt. Heute halte ich es mit dem Motto: „Machen Sie Powerpoint oder haben Sie etwas zu sagen?“ Damals aber war ich teilweise derart frustriert, dass ich freiwillig meine Arbeit unterbrach, um Zuhause mit der Zahnbürste den Fliesenboden zu reinigen. Der einzige Grund, warum ich das tat: um ein echtes, ehrliches Ergebnis zu erhalten. In unserer Wissensgesellschaft sind Handwerk, Haptik und Arbeit, bei der man sich auch einmal die Finger dreckig macht, gänzlich verlorengegangen. Nur: Was nützt alles Wissen, wenn niemand es umsetzt? Was bringen uns unzählige Architekten, wenn niemand das Haus bauen kann? Was sollen Professoren am Stammtisch essen, wenn niemand die Wurst liefert?

Was darüber hinaus vergessen wird, ist die Tatsache, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die keine Lust auf Schule haben, jedenfalls nicht, wenn sie ein Viertel der eigenen Lebenszeit frisst. Oder, und das muss man sich auch ehrlich eingestehen, wenn sie nicht das Zeug dazu haben. Für mich war es die Sehnsucht nach ehrlicher, authentischer Arbeit, die mich den Schritt in die Produktion gehen ließ. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass eine Wissensgesellschaft nur dann überlebensfähig ist, wenn sie ihre Wurzeln, das Handwerk, nicht verkümmern lässt.“ (aus: „Wunder muss man selber machen -Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle“, Sina Trinkwalder, Droemer Verlag, S. 43-44).

Von der Wurst mal abgesehen – da würde ich mit meinem veganen Lebensstil nicht so mitgehen – verstehe ich, worauf die Autorin hinausmöchte und halte vieles davon für richtig und wichtig.

Newsletter

Tatsächlich strebt so ziemlich jeder, dem diese Option auch nur annähernd in Aussicht gestellt wird danach, das Abitur zu machen und danach möglichst auch zu studieren – im Zweifel mit Wartesemestern und Zeitvertreib dazwischen. Wem dieser Weg verwehrt bleibt, also in erster Linie die Haupt- und Realschüler, der ordnet sich ziemlich schnell bei den „Versagern der Gesellschaft“ ein, die es eh kaum zu etwas bringen werden. So oder so ähnlich hat es neulich Margret Rasfeld in einer KenFM-Aufzeichnung zum Thema Schule, bei der ich als Zuschauerin dabei sein durfte, geschildert.

Ein wichtiger Punkt ist somit die Erkenntnis, möglicherweise gar nicht für den akademischen Bildungsweg geeignet zu sein. Wobei ich hierunter keine Degradierung verstehe. Also, ich meine sie nicht, bin mir aber durchaus im Klaren darüber, dass es in unserer Gesellschaft durchaus diese Form der Degradierung gibt. Im Grunde gehöre ich selber zu diesen „Ungeeigneten“. Zwar habe ich die Schule mit recht ordentlichen Noten absolviert, wodurch mir ein Studium naheliegend erschien, rückblickend halte ich dies jedoch nicht mehr unbedingt für die richtige Entscheidung. Ich weiß, dass meine Mutter mir damals zu einer Ausbildung geraten hat, weil sie der Meinung war, dass ich eher praktisch veranlagt bin und damit mehr meinen Stärken entsprechen könnte. Ich hielt das für Quatsch und habe es als Elterngerede abgetan.

Nachdem ich mich dann durch den Bachelor gequält habe, völlig leergesaugt von dem ständigen Auswendiglernen und der notdürftigen Wiedergabe des eingehämmerten Wissens in Klausuren, trachtete es mir danach, praktisches Wissen zu erlangen. Ich hatte das Gefühl, nichts zu können. Nichts, was man sehen, anfassen, nützlich einsetzen kann. Nichts, was mir tatsächlich Spaß bereitet hat. Also entschied ich mich für eine Coachingausbildung, um zumindest auf diesem Weg meine kreative Ader auszuleben.

avocado-1838785_640.jpgMir ist jedoch bewusst geworden, dass uns auch schon in viel alltäglicheren Dingen unsere händischen Fähigkeiten und die Lust, etwas Anfassbares zu produzieren, abhandenkommen. Nehmen wir mal die Zubereitung von Nahrungsmitteln. Wie vielen Menschen graut es davor, sich selbständig Essen zuzubereiten in einer Weise, die über das Schmieren einer Stulle oder das Aufkochen von Nudeln hinausgeht? Ich zählte selber viele Jahre zu eben jenen Personen. Ich fand es damals extrem öde, längere Zeit in der Küche zu verbringen, um etwas so simples wie den Akt der Bedürfnisbefriedigung – Essen, weil Hunger – durchzuführen. Entsprechend verkümmert waren meine Kochkünste, was mich mindestens deswegen ab und zu ernüchterte, da meine Mutter mir durchaus viel Wissen in Sachen Nahrungsmittelzubereitung mitgegeben hatte.

Erst, seit meiner Umstellung auf eine vegetarische – und später vegane – Ernährung habe ich Gefallen am Umgang mit Lebensmitteln gefunden. Irgendwann hat es in meinem Kopf „Klick“ gemacht, dass es im Grunde keine wertvollere Zeit als die der Zubereitung von Nahrungsmitteln für mich selbst und mein damit einhergehendes Wohlbefinden geben kann. Das Schnippeln und Bruzzeln nervt mich nicht mehr, im Gegenteil, ich mag das Tüfteln in der Küche mittlerweile sehr gerne. Ich erschaffe gewissermaßen etwas und das macht mir Spaß.

Noch mehr kommt das für mich zur Geltung, wenn ich backe. Vielleicht liegt das daran, dass ich ohnehin ein Süßschnabel bin und mich daher liebevoll gestaltete süße Leckereien noch mehr erfreuen. Die kreative Gestaltung von Kuchen und Törtchen, das Verzieren und Perfektionieren sind ein sehr schöner Zeitvertreib mit ausgiebigen Flow-Momenten.

Irgendwie ist es doch komisch, wie sich das in unserem Leben entwickelt: Bestimmt hat fast jeder als Kind im Buddelkasten gerne Burgen gebaut oder Löcher gegraben und bestimmt mochten auch viele die Herbstbasteleien, die man im Kindergarten oftmals mit Kastanien anfertigt. Ich sage nicht, dass das für jeden etwas Erfüllendes gewesen sein muss, aber ich bin sicher, dass jeder in seiner Kindheit irgendwelche praktischen Erfahrungen sammeln konnte, die mit positiven Gefühlen behaftet sind. Sei es das Klavierspielen oder das Sammeln von Sammelkarten oder das Bauen von Höhlen oder das Klettern auf Bäume, Häuser, Steine, was auch immer.

Heutzutage sieht der Alltag von vielen von uns eher so aus, dass wir den ganzen Tag in einem Büro sitzen und teils motiviert, teils unmotiviert auf unseren Bildschirmen herumklicken. Am Abend reicht es dann nur noch für die Tiefkühlpizza und einen Film.

Wichtig ist mir hierbei, dass es nicht um die Kritik am individuellen Lebensstil geht. Vielmehr möchte ich diese Ausführungen als Anregungen verstanden wissen, mal auszuprobieren, welchen Effekt die Rückkehr zu handfesten Tätigkeiten haben könnte.

Mir passiert es nicht selten, dass ich einen Handwerker, egal welcher Branche, bei seiner Arbeit beobachte und darum beneide, was er kann. Etwas reparieren oder herstellen zu können mit den eigeneTeddy.jpgn Händen ist eine so beeindruckende Sache. Ich freue mich schon, wenn es mir gelingt, einen Knopf an eine Hose anzunähen oder einen Bilderrahmen zu reparieren („Yeah, ein Gegenstand, den ich nicht neu kaufen muss, sondern den ich selber wieder nutzbar gemacht habe!“).

Oder wie stolz war ich, als ich meinen ersten Wollteddy gehäkelt habe (und zwar nicht mit 12 Jahren, sondern erst vor einigen Monaten

Es gibt sogar wissenschaftliche Gründe dafür, wieder mehr Anfass- und Herstellprozesse in den eigenen Alltag zu integrieren. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer hat in vielen seiner Bücher ausgeführt, welche Konsequenzen es für die Entwicklung unseres Gehirns hat, immer weniger in der realen Welt zu (er)fassen und stattdessen auf den Bildschirmen unserer Smartphones, Tablets und Laptops. So verdeutlicht er zum Beispiel, dass ein Tisch in all seiner haptischen Individualität auf einem Bildschirm niemals so wahrgenommen werden kann. Das Fühlen einer Kante und einer Ecke, das Ertasten der Oberfläche, das sensorische Wahrnehmen der Temperatur und Struktur sowie Eigenheiten formt Synapsen im Gehirn aus, die das Streichen über eine Glasfläche – geschweige denn das Herumklicken auf einer Maus – nicht ersetzen kann. (Quelle: z.B. https://www.youtube.com/watch?v=dxicBvXv-DM)

Wer also, genau wie ich, das Bedürfnis verspürt, mehr mit den naturgegebenen Fähigkeiten der Hände, Füße, Muskulatur, eben allem, was man für echtes haptisches Arbeiten benötigt, anzufangen, der schnappe sich einen Pinsel, eine Nadel, einen Spaten, ein Schneidebrett oder was auch immer benötigt wird und lege los!


Quellen:

  • https://www.youtube.com/watch?v=dxicBvXv-DM
  • https://www.fairtraders.ch/
  • Manfred Spitzer: "Cyberkrank" (Droemer Verlag)
  • https://www.manomama.de/

Das könnte dir auch gefallen...
Lachen_Anriss.jpg
Lachen ist gesund. Das weiß eigentlich jedes Kind. Nur scheinen Kinder das auch tatsächlich besser zu beherrschen, als wir Erwachsenen. Wenn Kinder lachen, berührt das unsere Herzen und steckt uns an. Zu welchem Zeitpunkt in unserem Leben verlieren wir diese einzigartige Fähigkeit und noch viel wichtiger: Wie bekommen wir sie zurück?
Lebenshoefe_Anriss.jpg
Die Lebenshöfe bei Berlin ermöglichen Tieren, die Glück im Unglück hatten ein friedvolles Leben. Den Tieren mit Respekt und wohlwollen zu begegnen ist auf diesem Hof spürbar. Ein Ort der Liebe und des Lebens.
Wandel_Anriss.jpg
Der Deckmantel Nachhaltigkeit ermöglicht es uns, die unbequemen Themen der heutigen Zeit wegzulächeln, anstatt den eigenen Lebensstil und unser Verhalten kritisch zu hinterfragen. Es gibt jedoch gute Gründe dafür, sich der eigenen Unbehaglichkeit zu stellen.
Konversation wird geladen