Posted by admin  |  July 3, 2019

Ein Gastbeitrag von Mechtild Lutze

Ehrenamtliches Engagement –

was für den einen eine Selbstverständlichkeit ist, ist für jemand anderes nicht denkbar oder gar Selbstausbeutung. Ich möchte mit diesem Beitrag keine gesellschaftspolitische Debatte entfachen über den Sinn von freiwilliger Arbeit und gesellschaftlichem Engagement. Vielmehr möchte ich einen Einblick geben in mein Engagement für einen geflüchteten Menschen, der sich ein paar Monate nach seiner Ankunft in Berlin bei XENION gemeldet hatte, weil er Unterstützung suchte.

XENION – der Begriff stammt aus dem Alt-Griechischen und bedeutet Gastfreundschaft in der Fremde.

Deutschlernen2.jpgGastfreundschaft in der Fremde – Ich denke, viele von uns haben schon begeistert über die Gastfreundschaft in anderen Ländern und Kulturen geschwärmt nach der Rückkehr aus dem Urlaub oder einer längeren Reise. Mir ist es jedenfalls überwiegend so ergangen, dass ich auf freundliche, interessierte und ja, sehr gastfreundliche Menschen, die z.B. ihr Essen mit mir geteilt haben, getroffen bin auf meinen Reisen innerhalb Europas oder in ferneren Kontinenten.

Menschen, die bei XENION Unterstützung finden, sind nicht in Berlin, weil sie nichts Besseres zu tun haben, sondern, weil sie in ihren Herkunftsländern um Leib und Leben fürchteten.

Der Verein XENION wurde 1986 gegründet mit dem Ziel - Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte - mit aufzubauen und zu unterstützen. Es bedurfte großes Engagement von Freiwilligen, vorrangig Ärzt*innen, Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, bis es möglich wurde in unserem Land, politischen Flüchtlingen und Opfern von Folter und Menschenrechtsverletzungen professionelle Hilfe zur Bewältigung ihres Schicksals zukommen zu lassen.
Schließlich wurde im Juni 1987 die erste psychosoziale Beratungsstelle für geflüchtete Menschen in Deutschland, mit Sitz in Berlin-Charlottenburg, eröffnet.

In den folgenden Jahren entwickelte sich XENION zu einem psychosozialen Behandlungs- und Beratungszentrum für politisch Verfolgte und geflüchtete Menschen.

Hier findest du weitere Informationen zu Xenion www.xenion.org

Mentor*innen-Programm

Menschen, die Gewalt und Folter erfahren haben und ihre Heimat verlassen mussten, professionelle Beratung und Therapien zu ermöglichen, ist die eine Seite des Weges, um das erlebte Leid überwinden zu können. Schnell wurde jedoch in der Arbeit mit geflüchteten Menschen deutlich, dass die professionelle Hilfe allein nicht ausreicht, um die neue Lebenssituation irgendwie bewältigen zu können.
Neben der unbekannten Sprache sind es die neuen sozialen Gegebenheiten, die fremde Kultur, die Isolation, die es schwierig machen, sich zurechtzufinden und sich ein neues Leben aufzubauen. Hier setzt XENION mit seinem Ehrenamts-Programm an.

Persönliches Engagement

Die Arbeit von XENION und das Mentor*innen-Programm waren mir schon lange bekannt, bevor ich Anfang 2018 entschied, mich als Mentorin zu bewerben. Nicht ausreichend Zeit zu haben für solch eine Aufgabe bzw. das zu denken, war lange mein Hinderungsgrund gewesen, hier aktiv zu werden. Man muss sich für mindestens ein Jahr verpflichten, einen Menschen oder eine Familie zu begleiten. Kontinuität und Zuverlässigkeit sind wichtig, um Vertrauen entwickeln zu können. Vertrauen und persönliche Kontakte braucht es, um anzukommen in der Fremde und um ein Stück zu vergessen, was man durchgemacht hat.

Als Mentorin werde ich nicht allein gelassen, denn XENION unterstützt mich in meiner Aufgabe. Mein Mentee und ich haben eine direkte Ansprechperson, die uns zur Seite steht, wenn wir sie brauchen. Damit ich mich als Mentorin meinen Aufgaben auch gewachsen fühle, gibt es ein umfangreiches Schulungsprogramm. Drei Veranstaltungen, die für die Arbeit der Mentor*innen als grundlegend angesehen werden, sind verpflichtend. 

Diese sind: Nähe & Distanz, Asyl- & Aufenthaltsrecht, Trauma & Therapie.
Weitere Schulungsthemen sind z.B. Wohnen, Reflexionsrunde, Konfliktberatung und Mediation.
Zudem gibt es pro Jahr mehrere „Get Together“ mit Mentees und Mentor*innen zum gegenseitigen Kennenlernen mit Essen und Aktivitäten. 

Wie lerne ich meine*n Mentee kennen?

Wenn man sich für das Mentor*innen-Programm bei Xenion interessiert, werden in einem persönlichen Gespräch die eigene Motivation, Vorstellungen und Wünsche sowie die Anforderungen an eine Mentorenschaft erörtert. Nachdem ich lange Zeit in Friedens- und Umweltgruppen mitgearbeitet hatte, interessierte es mAhmaduMechtild2.jpgich mehr, mein Engagement auf eine persönliche und individuelle Art einzubringen. Dieses erschien mir mit dem Ehrenamts-programm bei Xenion möglich zu sein. Die Verpflichtung, für mindestens ein Jahr als Mentorin tätig zu sein, konnte ich gut eingehen und der wöchentliche Zeitaufwand von 3-4 Stunden passte auch. Es wurde geklärt, ob ich lieber mit einer Einzelperson oder einer Familie arbeiten möchte. Für mich kam nur eine Einzelperson infrage, wobei das Geschlecht egal war und die Herkunft auch.
Es hat dann noch 3 oder 4 Wochen gedauert, bis sich Annika, mit der ich das Vorgespräch hatte, meldete und mir einen Mentee vorstellte und fragte, ob ich ihn kennenlernen möchte.

Sie begleitete dann auch das Kennenlernen zwischen Ahmad und mir. Wir erzählten uns gegenseitig etwas von uns und vereinbarten im Anschluss ein Treffen ohne Annika. Ahmad ktempohomes.jpgonnte schon etwas Deutsch, sodass eine Verständigung ohne Dolmetscher möglich war. Sein Wunsch an mich war, mit ihm Deutsch zu üben und bei der Suche nach einem Praktikum zu helfen und gerne auch bei der Wohnungssuche. Er besuchte seinerzeit einen Deutschkurs auf B1 Niveau, inzwischen kennen wir uns 16 Monate und er bereitet sich auf die B2 Deutsch-Prüfung vor. Bis vor einem Monat wohnte er in den „Tempohomes“ auf dem Tempelhofer Feld und nun in einer Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen in der Colditzstraße in Berlin-Tempelhof. Wieder teilt er sich ein Zimmer. Sein Aufenthaltsstatus ist weiterhin in der Schwebe. Er fällt unter das Dublin-Abkommen, weil sein Asylantrag in einem anderen EU-Land abgelehnt wurde und er weiter nach Deutschland geflüchtet ist. Eine für ihn sehr belastende Situation. In seinem Herkunftsland Afghanistan wäre sein Leben nicht sicher.

Im vergangeAhmaduMechtild.jpgnen Sommer war ich aufgrund eines Verkehrsunfalles (Mittelfußbruch) mehrere Monate stark beeinträchtigt und sehr auf Hilfe angewiesen. In dieser Zeit habe ich viel Unterstützung von Ahmad bekommen und er hilft mir auch weiterhin gerne, wenn ich es brauche. So kann sich das ehrenamtliche Engagement ganz praktisch auch umkehren. Als persönlichen Zugewinn haben wir die Mentorenschaft von Anfang an erlebt.

Es werden immer Freiwillige gesucht für die Begleitung von geflüchteten Menschen.


Wenn du Interesse an dem Ehrenamts-Programm bei Xenion hast und noch unsicher bist, ob das etwas für dich ist, kannst du auch gerne mit mir Kontakt aufnehmen über die Kontaktdaten des Grünen Elefanten.

Mechtild Lutze

Verfasserin dieses Textes


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